Gisela Müller, Gesangsunterricht Basel

Zentrale sängerische Aspekte

Auf einige Kernbegriffe meines Unterrichts soll hier detaillierter eingegangen werden:

Die Zentrierung durch die Hinwendung zur eigenen Mitte stellt grundsätzlich eine aus der Mitte heraus harmonisierte, ausgewogene Körperhaltung her, die einen freien Energiefluss durch den gesamten Körper als Grundlage für freies Singen überhaupt erst ermöglicht. Ausserdem verhilft sie dem Singenden (der Singenden) dazu, sich in dieser äusseren Geste der Hinwendung auch innerlich bewusst sich selbst zuzuwenden und damit in Kontakt mit sich selbst zu kommen, was die Grundlage für entwickelten, gesunden Gesang ist.

Das „inhalare la voce“, das (energetische) „Einatmen der Stimme“ (ein Begriff, der aus der Belcanto-Tradition in Italien stammt), setzt als von der Körpermitte ausgehender Sog in Richtung des Singenden (der Singenden) ein. Um den Ton ansaugen zu können, muss der Singende allerdings lernen, seinen Willen, der natürlicherweise mit dem Ton einfach nach aussen preschen will, zurück zu nehmen, ihn „umzukehren“. So erlebt er, dass er den Ton nicht „machen“ bzw. nach draussen schieben muss, sondern ihn von aussen empfängt, ihn geschenkt bekommt. Das ermöglicht, dass der Klang zwar im Körper des Singenden verankert ist, tatsächlich aber (im Empfangen und Widerspiegeln) weit über diesen hinaus geht und so zu seiner eigentlichen Fülle und Freiheit findet.

Die Spiegelung des Klanges in der Körpermitte ist ein Phänomen, das auf das Ansaugen des Tones, auf das „inhalare la voce“ hin von selbst erfolgt, ohne dass der Sänger (die Sängerin) etwas dazu beitragen muss. Der Solar plexus, das so genannte Sonnengeflecht, ist in die Muskulatur des Zwerchfells und die sie umgebende Region eingelagert und funktioniert beim Singen wie ein Spiegel, der den Klang, nachdem er als „Klangstrom“ von aussen angesogen worden ist, von selbst an das Publikum widerspiegelt, weiter gibt. So wendet sich der Singende primär dem Empfangen und Bündeln des Klanges in sich selbst zu und lässt sich dann freudig vom einsetzenden Klangstrom gemäss der Dynamik der eigenen Stimme und des zu singenden Stückes führen. Das „Ankommen“ seines Gesanges beim Publikum, die eigentliche Wirkung auf das Publikum muss er nicht „herstellen“ oder „machen“. Diese „geschieht“ durch die Spiegelung von selbst als Geschenk für den Singenden und das Publikum gleichermassen, was den Gesang unangestrengt und frei und damit erst wirklich ausdrucksstark, inspiriert und im tieferen Sinne „wirksam“ macht.

Bei der bewussten Trennung von Klang und Sprache wird davon ausgegangen, dass es sich bei Klang und Sprache um zwei völlig verschiedene Welten handelt, die sich gegenseitig ergänzen, dies aber nur können, wenn sie bewusstseinsmässig nebeneinander her geführt werden und sich so gegenseitig nicht blockieren. Die in der Mitte ansetzende Klangentfaltung muss kontinuierlich fliessend sein und darf nicht durch das Artikulieren von Lauten behindert oder unterbrochen werden und das Aussprechen der Laute muss sich leicht und schnell vollziehen können, ohne dass es durch die Klangentfaltung beschwert wird. Die Lösung dieser Problematik liegt darin, beides bewusst auf zwei verschiedenen, parallel nebeneinander her laufenden Ebenen stattfinden zu lassen, was das vollkommene Sich ergänzen und damit Eins werden der beiden Funktionen ermöglicht. Auf diese Weise kann sich die ganze Klangfülle einer Stimme ungehindert entfalten und der Text bleibt trotzdem bis in die Höhen hinein deutlich verständlich.