Gisela Müller, Gesangsunterricht Basel

Gesang als „Kunst der Mitte“

Im Jahr 2007 entdeckte ich die damals noch in Essen (D) angesiedelte Schule für Gesang (heute in Krumbach/A), die von Petra Schulze gegründet wurde. In ihren beiden Büchern „Singen ist einfach - auch für Sänger“ und „Singen - Kunst der Mitte“ legt sie dar, was sie in der Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Stimme über Jahre erarbeitet und erkannt hatte. Im Jahr 2008 absolvierte ich darauf die von ihr angebotene einjährige gesangspädagogische Weiterbildung und unterrichte seitdem in diesem Sinne, was mir grosse Freude bereitet. Ich erlebe täglich beim Unterrichten, welche Kraft und Wirksamkeit dieser Gesangsansatz aus der Mitte heraus hat.

Junge singbegabte Menschen, bei denen noch keine falschen oder gar krank machenden Gewohnheiten korrigiert werden müssen, erleben durch den „mittigen“ Gesangsansatz sehr schnell und ganz direkt das eigentliche Wesen und Potential ihrer Stimme, das sich entfalten möchte. Die Stimme zeigt sich rasch in ihrer ganzen Individualität und Dynamik und befeuert dadurch die Singenden in ihren sängerischen Bemühungen, weil es ein beglückendes und erfüllendes Erleben ist, durch das Singen sich selbst und die eigene Stimme in ihrer Unverwechselbarkeit immer tiefer kennen zu lernen. Gerade für junge Menschen - aber natürlich nicht nur für sie - kann das eine hilfreiche und richtungsweisende Erfahrung sein.

Professionelle Sängerinnen und Sänger können durch begleitenden Unterricht dieser Art immer wieder neu an die Quelle ihrer eigentlichen Singfreude, die sie einmal dazu bewogen hat, diesen Beruf zu ergreifen, zurück geführt werden. Durch diesen immer bewusster erlebten inneren Kontakt zu ihrer Stimme können sie letztendlich selbst die Verantwortung für ihren gesanglichen Werdegang übernehmen und sich so vor stimmlichen Irrwegen bewahren.

Sängerinnen und Sänger, die durch gesangstechnische Orientierungslosigkeit und Überforderung im Beruf den Mut und die Sicherheit verloren haben, kommen dazu, ihre Stimme von der Mitte aus wieder neu nach bewusst erlebbaren sängerischen Gesetzmässigkeiten einzusetzen und damit innerlich zu klären, wie ihre sängerischen Schwierigkeiten entstanden sind und wie sie wieder ins Lot gebracht werden können. Aus dieser Sicherheit und Orientierung heraus kann das eigene Singen wieder an die ursprüngliche Ausdrucksfreude und Kraft angeschlossen werden und der weitere sängerische Weg mit neuem Vertrauen erfüllt werden.

Menschen, die als Kind eine grosse Liebe zum Singen hatten, aber glauben, diese im Laufe ihres Lebens verloren zu haben, stellen sehr schnell fest, dass „es“ immer noch in ihnen „singt“, dass sie auf diese Art innerlich direkt wieder an diese kindliche Liebe zum Singen anknüpfen können.

Menschen, denen immer gesagt wurde, dass sie nicht singen können, oder dass sie lieber still sein sollten, entdecken, dass diese Urteile mit ihrem eigentlichen Singen gar nichts zu tun haben, dass ihre Stimme nach wie vor darauf wartet, entdeckt zu werden und sich zu entfalten und dies, sobald ihr Vertrauen entgegen gebracht wird, aus der Mitte heraus auch freudig und schnell tut.

Menschen, die sich mit ihrer Sprech- und Gesangsstimme unsicher fühlen, die (vielleicht berufsbedingt) unter stimmlichen Erschöpfungszuständen leiden, können auf diese Art lernen, ihre Stimme sozusagen „auf den Körper und den Atem zu setzen“ und dann nicht etwa vorsichtig sondern aus dem Vollen schöpfend sich der eigenen Stimme in ihrer Kraft und Gesundheit zu erfreuen. Sie entdecken, dass ihre Stimme nur darauf gewartet hat, kraftvoll mit all ihrem Potential genutzt zu werden, dass genau darin ihre Gesunderhaltung liegt.

Auch biografisch bedingte Blockaden, die das Singen von Sängern und Laien mehr oder weniger schwer beeinträchtigen können, können durch den Ansatz in der Mitte, im Bereich des Solar plexus und des Zwerchfelles aufgespürt, durch das „mittige“ Singen in eine heilende innere Bewegung gebracht und damit letztendlich aufgelöst werden, was es dem Singenden ermöglicht, sich wieder an seine eigentliche, natürliche Ausdruckskraft beim Singen anzuschliessen.

Voraussetzung für all dies ist allerdings die Bereitschaft des Singenden, sich auf diese Art der Gesangsarbeit wirklich einzulassen und sich sozusagen von der Dynamik der eigenen Entwicklung führen zu lassen.

Es ist schön, mich mit dem Schüler (der Schülerin) gemeinsam auf die Reise dieser Gesangsarbeit zu machen, gemeinsam mit ihm zu dessen Gesangsstimme vorzudringen, sie zur Entfaltung zu bringen und zu erleben, dass mit dieser Auseinandersetzung immer auch ein persönlicher Weg einher geht, der sich aus der Arbeit ergibt. Der Singende lernt sich sozusagen auf tiefere Art kennen, indem er erlebt, dass die eigene Stimme ihm nach und nach wie eine Art Spiegel all seine Themen und zu entdeckenden Entwicklungsmöglichkeiten aufzeigt. Diese wahrzunehmen und sängerisch zu integrieren ist der eigentliche Weg im Gesangsunterricht. Er führt einerseits zu einer immer ausgewogeneren, voll entfalteten, kraftvoll und gesund einsetzbaren Gesangsstimme, andererseits wird die Stimme damit zu einer Art Leitstern für den einzelnen, dem zu folgen den Singenden immer mehr in Kontakt mit seinem eigentlichen Potential bringt. Der Antrieb dafür liegt dabei ganz im Singenden selbst, in der Entwicklungsdynamik seiner Stimme.

So wird diese Arbeit entweder zu einem Wegweiser zu einem von innen her geführten und verantworteten und damit gesunden Sängerleben oder grundsätzlich zu einem Seismographen für ein Leben, das im Inneren des Menschen wurzelt und sich von dort mit Authentizität, Lebendigkeit und echter Freude parallel zum eigenen sängerischen Können entfaltet.